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Nachlese mundo c - Tagung 22. – 23. April 2016 (Cornelsen Berlin)

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wie angekündigt, fasse ich meine Eindrücke von unserer Tagung in Berlin zusammen. Es ist nicht einfach, den Kenntnisstand der Teilnehmenden im Voraus zu erahnen, zumal wenn alle Bundesländer vertreten sind. Dass das schlichte Wort ‚Darbietung‘ Assoziationen mit Frontalunterricht hervorruft, hat mich gewundert. Ebenso erging es mir mit der mehrmals geäußerten Gegenüberstellung: induktiv – deduktiv.

In einer allgemeinen Definition bedeutet induktiv: vom konkreten Fall ausgehend und deduktiv: von übergeordneten Vorstellungen geleitet. Da Unterricht stets von übergeordneten Zielen ausgeht, die zudem von der Bildungspolitik vorgegeben sind, ist das Vorgehen im Unterricht immer mehr oder weniger deduktiv.

Dass ausgewählte Beispiele zum Gebrauch des Futurs ein induktives Vorgehen im Unterricht beinhalten, ist nicht ganz richtig; und die Vorgabe, dass man im Spanischen zum Ausdruck zukünftiger Handlungen bestimmte Zeitformen verwendet, ist lediglich eine andere Form deduktiven Vorgehens. Eine Unterscheidung in induktiv vs. deduktiv – ich nehme an, sie wird in der Ausbildung vermittelt – ist aus meiner Sicht letztlich irreführend:

  • Induktiv ist das Erlernen bzw. der Erwerb einer Fremdsprache ohne gezielte Lehre und vor allem ohne explizite Grammatikvermittlung.
  • Im Unterricht erfolgt das Lernen mehr oder weniger deduktiv. (Deshalb kommt auch in der einschlägigen englischsprachigen Forschung der Begriff deduktiv selten vor). Wenn eine Lehrperson Sätze im Futur in der Fremdsprache vorgibt, manipuliert sie (in bester Absicht und meist mit Erfolg) authentische Sprache dahingehend, dass Form und Funktion der entsprechenden Zeitformen von den Lernenden leicht zu erkennen sind. Auch wenn die Lehrperson im Hintergrund bleibt, ist ein solches Vorgehen deduktiv. Die Lehrperson ist bereits in die Auswahl der Beispiele eingebaut.
  • Induktives Vorgehen kommt im schulischen Unterricht selten vor. Das ist für mich kein Nachteil, im Gegenteil: Die Lehrperson hat die Möglichkeit, den Lernstoff im weitesten Sinn (nach Fertigkeiten, Fähigkeiten, Kompetenzen) so aufzubereiten, dass die Schülerinnen und Schüler ihn leichter aufnehmen und im Gedächtnis verankern können. Das darf freilich nicht dazu führen, dass ein zu großer Zeitverlust für Lernende (und Lehrende) entsteht.

Was nun die „Darbietung“ angeht, so ist der Terminus sicher nicht glücklich gewählt, aber üblich. Ähnliches gilt für direct instruction. Ihre Ausprägungen unterscheiden sich deutlich vom Frontalunterricht (didactic teaching).

  • Der Terminus Interaktiver Klassenunterricht ist sicher passender als Direkte Instruktion, weil interactive whole-class teaching weniger negative Assoziationen hervorruft. Ein solcher Unterricht beinhaltet freilich in (fast) allen Phasen eine direkte oder indirekte Lenkung durch die Lehrperson.
  • Vielleicht halten Sie mir jetzt entgegen, dass man das, was man sich selbst erarbeitet, besser lernt und vor allem länger behält. Würden Sie ohne Not fortgeschrittene Computerkenntnisse, z. B. das Programmieren, durch trial and error erlernen wollen?
  • Die überwiegende Mehrzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse und zahlreiche Erfahrungsberichte von Lehrpersonen zeigen das Gegenteil. Da Frontalunterricht meist von einem mittleren Fähigkeitsniveau ausgeht, wird vor allem das untere Drittel vernachlässigt. Vom Pauker zum Coach – bitte nicht! Warum dann kein Lernbüro? Unterrichten, lehren, etwas schülergerecht (!) vermitteln – was bitte ist daran verwerflich?

Es gibt im Verlag Cornelsen Scriptor ein kluges Buch von Felten & Stern (2012) mit dem Titel: Lernwirksam unterrichten. Darin geht Elsbeth Stern auf die „Osterhasenpädagogik“ ein, die sie im fragend-entwickelnden Unterricht im Gefolge des Frontalunterrichts verortet. Stern beschreibt es treffend:

Ein Auswuchs dieser Art des Unterrichtens ist auch die sogenannte Osterhasenpädagogik: Der Lehrer versteckt das Wissen und die Schüler müssen es suchen. Das sieht dann so aus: Der Lehrer stellt eine Frage an die Klasse und hat die kurze und prägnante Antwort, die er hören möchte schon im Kopf. Er fragt solange in der Klasse herum, bis er diese zu hören bekommt, während er auf die Antworten der anderen Schüler nicht eingeht. Gute Ansatzpunkte beim Schülerwissen bleiben ungenutzt. (a. a. O: 34)

Am Ende des Buches fassen Felten und Stern ihre wichtigsten Überlegungen in 10 Punkten zusammen, von denen ich für unseren Kontext drei ausgewählt habe:

Statt Nachwort: Lernwirksam unterrichten – auf einen Blick

  • Gute Lehrpersonen ziehen sich niemals aus dem Unterrichtsgeschehen heraus, sondern sind hochgradig steuerungsaktiv.
    Lange Lehrermonologe bewirken Apathie bei Schülern, aber auch schlecht organisierte oder ausgewertete Gruppenarbeitsphasen hinterlassen kaum Lernzuwachs. Gute Lehrpersonen können abwechslungsreiche Lernsequenzen organisieren, vielfältig veranschaulichen und flexibel erklären, spannend Wissen präsentieren sowie angemessene Hilfen geben. Gruppenarbeitsformen sind nur dann sinnvoll, wenn dabei jeder Beteiligte dazu lernt.
  • Individuelle Förderung beginnt im Kopf der Lehrperson.
    Das Eingehen auf Einzelne ist in allen Schulformen sinnvoll – und auch bei Arbeitsphasen im Plenum möglich. Individualisierung ist zweckmäßig nicht in ihrer extremen („Jedem stets ein eigenes Arbeitsblatt!“), sondern der behutsamen Form: gelegentliche Vertiefungen in einer Teilgruppe oder Spezialaufgaben für einzelne.
  • Warum nicht öfter einen Test?
    Tests zur Rangstufeneinordnung müssen sein (möglichst nicht zu oft!), solche mit inhaltlicher Rückmeldungsfunktion über den individuellen Lernfortschritt sollten sein (so oft wie möglich!). Miniselbsttests sind ebenso aktivierend wie diagnostisch – sie offenbaren, wie jeder die Lerninhalte aufgefasst hat, und machen keine zusätzliche Arbeit. (a. a. O.: 144f.)

Meine Schlussbemerkung gilt dem MET, das Ihnen in deutscher Fassung vorliegt. Es ist immer eine Herausforderung, die einzelnen Schritte in der zur Fortbildung zur Verfügung stehenden Zeit zumindest insoweit zu erklären, dass keine Missverständnisse entstehen. Das Modell ist für alle schulischen Fremdsprachen, alle Lernstufen, alle Unterrichtsinhalte und alle Schulformen gleichermaßen geeignet. Nähere Ausführungen finden Sie in meinen zuletzt erschienenen Büchern:

  • De Florio-Hansen, I. (2014): Lernwirksamer Unterricht – Eine praxisorientierte Anleitung (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
    Die Ausführungen beziehen sich auf eine Reihe von Unterrichtsfächern: Deutsch, Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie, Politik/Wirtschaft etc.
  • De Florio-Hansen. I. (2014): Fremdsprachenunterricht lernwirksam gestalten – mit Beispielen für Englisch, Französisch und Spanisch. (Tübingen: Narr Studienbuch).
    Nach der erläuternden Einführung des MET (Kap. 4) behandele ich die Schritte des MET anhand ausgewählter Unterrichtsbeispiele in den folgenden Kapiteln, und zwar:
  • Kap. 5: Planung und Einstieg in den Unterricht, Kap. 6: Darbietung neuer Lerninhalte, Kap. 7: Vom angeleiteten zum selbstständigen Üben, Kap. 8: Fortführung durch kooperative und handlungsorientierte Lernformen, Kap. 9: Feedback - wechselseitig und informativ.
  • De Florio, I. (2016; erscheint laut Verlag im Mai): Effective Teaching and Successful Learning. Bridging the gap between research and practice. Cambridge: Cambridge University Press.
    Es ist ähnlich aufgebaut wie das genannte Narr Studienbuch, aber stärker auf einen Unterricht   ausgerichtet, in dem Scaffolding nach Vygotsky an Stelle der im deutschsprachigen Raum lange Zeit propagierten Individualisierung im Fokus steht. Die Lektüre bietet sich an, wenn Sie neben Spanisch auch Englisch unterrichten.

Was es mit Standards, Kompetenzen und fremdsprachlicher Bildung auf sich hat, erfahren Sie aus meinem gleichnamigen Narr Studienbuch (2015).

Wie angekündigt, stelle ich Ihnen eine Reihe von Links ein in der Hoffnung, dass Sie davon profitieren können. Sollte ich etwas vergessen haben, was Sie brauchen können, melden Sie sich bitte bei mir. Das sollten Sie auch tun, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann.

Cordiali saluti
Inez De Florio-Hansen

pdfKurzfassung Einführung narr praxisbücher

pdfMET (englische Fassung)

pdfUnterrichtseinstiege (Heath Brothers)

pdfFormen des Feedbacks

PPT Wissenschaftliche Begründung